Nachwuchskonferenz

Grenzüberschreitungen in Literatur und Kultur | theorie

28. – 30. September 2017 | Universität Wien




Grenzüberschreitungen können als ein wesentliches Kennzeichen postmoderner Denkbewegungen angesehen werden: die vermeintlich festen Kategorien der Moderne werden problematisiert, destabilisiert und überschritten. Poststrukturalistische Theorien und Strategien richten ihren Fokus auf Praktiken und Prozesse von Grenzziehungen und auf die mit ihnen erzeugten Ordnungen. So könnte man mit Foucault das „Auftauchen einer Form des Denkens” konstatieren, „in der das Fragen nach der Grenze an die Stelle einer Suche nach der Totalität tritt“ (1963).   

Untersucht werden jene kulturellen Ordnungen vor allem aus der Perspektive/unter Einbezug dessen, was ausgeschlossen beziehungsweise als das jeweils Andere oder Fremde konstruiert wird. Dichotomien wie Kultur/Natur, Mann/Frau, Vernunft/Wahnsinn, Zivilisation/Barbarei, Okzident/Orient, Signifikant/Signifikat werden solcherart von innen heraus, ausgehend von der sie erzeugenden Grenzziehung, dekonstruiert. Es wird zudem eine dritte Position zugelassen und als etwas Neues ermöglichend konzipiert. Die différance, das Hymen (Derrida), die Pfropfung (Derrida/Wirth), das Rhizom (Deleuze/Guattari), die Heterotopie (Foucault), der Dritte Raum (Bhabha), postnationale und trans-/postgender-Identitäten sowie das/der Cyborg (Haraway) sind nur einige Beispiele solcher innovativen Konzepte. Kategorien wie Subjekt, Identität, Geschlecht, Ethnizität, Raum, Nation oder Gattung erfahren auf diese Weise Umbrüche, Umstürze, Erweiterungen, Dekonstruktionen und Rekonstruktionen. Sie werden nicht mehr als a priori gegebene, stabile Entitäten verstanden, sondern vielmehr als historisch bedingte und instabile kulturelle Konstrukte, die diskursiv und performativ erzeugt werden, mit Macht- und Herrschaftsansprüchen verbunden und interdependent verstrickt sind. Um zu funktionieren, müssen sie eine ständige Ordnungsbestätigung und -stärkung erfahren, und sie müssen von den Mitgliedern einer Kultur sowohl erkannt als auch anerkannt werden – woraus folgt, dass sie auch dekonstruiert und resignifiziert werden können.

   Die Revisionen traditioneller Vorstellungen und Kategorien sowie die damit einhergehende Bildung neuer Denkfiguren und Begrifflichkeiten bewirken eine Weiter-/Neuentwicklung der theoretischen und analytischen Instrumentarien sowie der spezifischen Gegenstandsfelder unterschiedlichster Wissenschaftszweige. Diese interdisziplinären Auseinandersetzungen mit und die Anwendungen von unterschiedlichen Ansätzen und Methoden bringen neue Möglichkeiten, aber auch Herausforderungen mit sich, die im Rahmen der Konferenz diskutiert werden sollen.

Mögliche Fragestellungen, die lediglich als Anregungen verstanden werden sollen, sind:

- Das komplexe und dynamische Wechselspiel zwischen der Überschreitung, Ziehung, Verschiebung und Auflösung von Grenzen ist ein konstitutives Merkmal der menschlichen Lebenswelt. Weshalb (und wie) wird einerseits immer wieder versucht, Grenzen zu fixieren und zu naturalisieren? Weshalb werden andererseits Theorien entwickelt, die das Vorhandensein von Grenzen negieren, wodurch Grenzüberschreitungen eigentlich obsolet werden?
- Wie und von wem wurden die verschiedenen Kategorien und Grenzkonzepte bisher in Frage gestellt respektive aufgebrochen? Worin liegt hier das jeweilige Potenzial? Worauf zielt die damit verbundene Kritik ab? Welche Möglichkeiten bestehen zur Weiterentwicklung dieser Denkmodelle?

-  Mit welchen Konsequenzen haben diejenigen zu rechnen, die Grenzen überschreiten? Welche Herausforderungen ergeben sich aus diesen Überschreitungen?
- Wie lassen sich Theorien der Grenzüberschreitung für die kultur- oder literaturwissenschaftliche Anwendung (etwa die Analyse von Narrativen) fruchtbar machen?

- Welche Rolle nehmen Grenzüberschreitungen in der Literatur ein? Wie und warum werden Grenzen befragt und problematisiert? Gibt es spezifische Literaturkategorien, in denen Grenzüberschreitungen und Entgrenzungen in einem hohen Ausmaß thematisiert und/oder als Stilmittel eingesetzt werden? Mit welchen Theorien und Methoden werden diese analysiert?
- Welche Narrative der Grenze respektive der mit ihr assoziierten Bewegungen lassen sich in der Literatur|theorie erkennen? Welche Figuren von Grenzgänger_innen und Figuren am Rand, welche Brüche in den Narrativen lassen sich mit Hilfe von Literatur|theorie beschreiben?
- Weshalb oder in welcher Weise werden zum Beispiel die sogenannte Migrationsliteratur, die Exilliteratur oder die Frauenliteratur durch die Anbringung dieser sie distinguierenden Labels als Sonderliteratur gekennzeichnet? Um welche Form von Kanonbildung handelt es sich bei dieser Praxis?

Die dreitägige Konferenz umfasst einleitende Keynote Lectures von Johan Schimanski (Universität Oslo) und Wolfgang Müller-Funk (Universität Wien), Vorträge und Posterpräsentationen von Nachwuchswissenschaftler_innen aus den Literatur- und Kulturwissenschaften sowie Lesekreise/Diskussionsrunden. Zudem wird ein entsprechendes Rahmenprogramm mit Abendveranstaltungen angeboten. Die Publikation eines Sammelbandes ist geplant.

Abstracts (ca. 300 Wörter) für Vorträge (20-minütig), für Posterpräsentationen oder für die Leitung von Lesekreisen/Diskussionsrunden (90-minütig) können inklusive Titel und biographischer Notiz bis zum 31. März 2017 an abstracts@grenzkonferenz.at geschickt werden.

   Die Einreichung kann auf Deutsch und Englisch erfolgen. Im Falle einer Annahme werden die Bewerber_innen bis spätestens 30. April 2017 darüber verständigt.

Die Veranstalterinnen bemühen sich um die Übernahme der Reise- und Unterbringungskosten von maximal zwei Bewerber_innen, die keine Unterstützung von ihrer Heimatuniversität erhalten. Bei Interesse an einem solchen Scholarship bitten wir um einen Vermerk in der Bewerbung.


Organisation:
Vera Faber | Evelyn Kraut | Barbara Seidl | Gerlinde Steininger | Tanja Veverka

Kontakt: kontakt@grenzkonferenz.at | Webpage: www.grenzkonferenz.at